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Ein fotografischer Vorgeschmack auf die Premiere des «fliegenden Holländers». Die Fotos stammen von Toni Suter, T+T Fotografie, alle Rechte vorbehalten.

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Gewappnet fürs Expertengespräch

Liebe Opernbesucher

Im Opernfoyer stösst man vor oder nach der Vorstellung früher oder später auf echte und selbsternannte Opernexperten, die mit ihrem Fachwissen nicht hinterm Berg halten. Wenn Sie mithalten möchten, finden Sie hier einige Fakten, mit denen Sie im Foyergespräch glänzen können und auch bei echten Kennern gewaltig Eindruck schinden.

  • Der Name Bryn Terfel bedeutet im Walisischen “kleiner Berg”. Ausgesprochen wird der Name übrigens “Brin Terwel”, Betonung auf der zweiten Silbe.
  • Die Rede vom “fliegenden Holländer” geht auf die Schiffsbaukunst der Niederländer zurück. Sie bauten kleine, leichte Schiffe, die aufgrund der Bauweise sehr schnell waren und daher scheinbar übers Wasser “flogen”.
  • Die Seitenwände des Bühnenbildes werden per Hydraulik bewegt.
  • Anja Kampe wird die Senta bis zum Ende dieser Spielzeit nicht nur in Zürich, sondern auch an den Staatsopern in München und Wien sowie an der Mailänder Scala singen.
  • Alain Altinoglu startete seine Karriere als Dirigent erst im Alter von 26 Jahren. Zuvor arbeitete er als Liedbegleiter und Korrepetitor. Heute ist er gern gesehener Gast an den Pulten der grossen Opernhäusern.
  • Dirigent der Uraufführung am 2. Januar 1843 war Wagner selbst. In Zürich leitete Wagner im April und Mai 1852 vier Aufführungen des fliegenden Holländers höchstpersönlich.
  • Der «Fliegende Holländer» ist ein interessanter Zwitter aus traditioneller Nummernoper und durchkomponiertem Musikdrama: eine “Szenenoper”, bei der kleine Gruppen von miteinander verbundenen Nummern gebildet werden, z.B. Nr. 4 «Lied, Szene, Ballade und Chor».
  • Das Libretto für den «fliegenden Holländer» entwarf Wagner im Mai 1840, im gleichen Monat des darauffolgenden Jahres arbeitete er es aus.
  • Inspiration für die Sturmmusik der Oper war Wagners dramatische Flucht vor Gläubigern per Schiff. Während der Überfahrt von Riga nach London geriet das Schiff in einen heftigen Sturm und entging nur knapp einer Havarie.
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Schwerpunkt des frisch erschienen MAG Nr. 4 ist die Neuproduktion des «fliegenden Holländers»: Thomas Macho schreibt über die Kulturgeschichte des Reisens, Regisseur Andreas Homoki spricht mit Dramaturg Werner Hintze über seine Sicht auf das Stück, Holländer-Sänger Bryn Terfel und Dirigent Alain Altinoglu werden in Portraits vorgestellt. Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen bei der Lektüre!

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Anja Kampe und Bryn Terfel singen nicht zum ersten Mal zusammen den «Fliegenden Holländer». Hier ist ein Mitschnitt (nur Ton) vom Royal Opera House Covent Garden von 2009, wo die beiden als Senta und Holländer zu hören waren. Die Tonqualität ist allerdings nicht be- sondern nur rauschend, was aber umso mehr Lust machen dürfte, die beiden live im Opernhaus zu hören. ;-) (ch)

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Klavierhauptprobe

Liebe Opernfreunde Ob ihr euch wohl denken könnt, wie der erste Gesamt-Probedurchlauf einer Neuinszenierung in den Originalkostümen und mit originaler Beleuchtung aussieht? Und was glaubt ihr, wer sich wohl bei dieser sogenannten Klavierhauptprobe am meisten verausgaben muss? Natürlich kann ich das eigentlich überhaupt nicht beurteilen. Auch kann ich mir gar nicht vorstellen, dass es im Team jemanden gibt, der sich nicht gern immer mit vollem Einsatz einbringen möchte! Aber bei der Klavierhauptprobe habe ich auf einmal verstanden, was eigentlich der Inspizient für eine unglaublich grosse Verantwortung während der Vorstellung trägt. Donnerstag, 29. 11. 17.55 Uhr Felix Bierich bezieht Stellung an seinem Inspizientenpult. An seinem Gürtel ist ein Funkgerät befestigt, welches mit einem kleinen Mikrophon verbunden ist. Mit einem dünnen schwarzen Metallbügel hat er es sich um den Kopf geschnallt. Gleich wird seine Stimme überall in den Gängen der Mitarbeiter des Opernhauses zu hören sein, in der Kantine, in den Solistengarderoben, im Requisitenzimmer, auf den Chorfluren. Nicht laut und deutlich (denn auf der Hinterbühne muss man leise sein und Rücksicht auf all die wundervollen Künstler nehmen, die gleich ihren Auftritt haben!) sondern ruhig, klar und freundlich sagt Felix an, was er sich auf dem ersten Einlegeblatt in seinem Klavierauszug notiert hat: «Guten Abend, liebe Damen und Herren! Ich bitte zur Bühne Matti Salminen, Fabio Trümpy und Nelson Egede. Der Herrenchor bitte jetzt zur Bühne, bitte zur Bühne jetzt der Herrenchor. Bryn Terfel bitte ebenfalls in wenigen Minuten zur Bühne, Achtung Bryn Terfel, bitte bereit halten.» Von allen Seiten strömen jetzt immer mehr Menschen herbei. Das Inspizientenpult befindet sich an einem Knotenpunkt der verschiedensten Gänge: An der rechten Ecke der Hinterbühne, am Ende der Solistengarderoben und der Chorflure, am Eingang in die Requisitenkammer und am Ausgang ins Parkett des Zuschauerraums. Wenn während der Vorstellung die Herzen der Zuhörer den Sängern zufliegen, dann schlägt leise und unauffällig das Herz des Opernhauses bei Felix am Inspizientenpult. Du brauchst ein Plätzchen um deine Brille sicher aufzubewahren während des Auftritts? Geh doch zu Felix! Du willst wissen, wie lang es noch dauert, bis der Geisterchor singt? Frag Felix! Der Mechanismus zum Fahren der Wände klemmt? Sofort Felix informieren! Der Dirigent wünscht, dass die Türen geöffnet werden, wenn Piccoli, Windmaschine und Tamtam aus dem Off spielen müssen? Felix wird das sicher machen! Und so weiter und so fort. Felix lässt sich nicht so leicht beirren. Ich stehe neben ihm, bereit, schnell zu laufen und zu helfen wo ich kann. Spitzbübisch grinst er mich an, wippt mit dem Oberkörper zur Musik, aufmerksam gespannt bis in die letzte Faser - und trällert eine kurze Sequenz der Holländerarie mit pathetischer Mine. Da ist er auch schon, unser Holländer. Bryn Terfel kommt von der Bühne und sucht den kleinen Roller, mit dem er in wenigen Sekunden die ganze Hinterbühne umfahren muss. In Windeseile sollte er normalerweise auf die andere Seite der Bühne gelangen, als wäre nichts gewesen. Aber, ach du Schande, an den feschen «Scooter» von Bryn hat in dem Gewusel niemand mehr gedacht. Zur großen Freude von unserer Senta, die insgeheim schon lange ein bisschen neidisch war auf Bryns kleine Spritztour war. Sie hat das rasante Fahrzeug auf der anderen Seite der Bühne entdeckt und lässt es sich nicht nehmen, den Roller eigenhändig an seinen richtigen Platz zu befördern - rollernd, versteht sich. Nach dieser kleinen Unterbrechung kann Alain Altinoglu, unser Dirigent, erst einmal eine Weile ungestört weiterproben. Es läuft gut, aus dem Zuschauerraum betrachtet sogar wie am Schnürchen. Hinter der Bühne passieren im Laufe des abends noch die ein oder anderen kleineren und größeren Katastrophen. Luc Balmer, der Bühnenmeister, bietet all sein Können und viele gute Nerven, um gemeinsam mit Felix und den anderen Bühnentechnikern einen funktionierenden Arbeitsablauf bei der Bühnenumgestaltung zu finden. Währenddessen macht sich Alain innerlich Notizen, welche Stellen musikalisch unbedingt mit dem Orchester noch ausgefeilt werden müssen. Ich liebe es, wenn Zeit ist, hinter der Bühne vor einem der kleinen Monitore zu stehen und aus der Nähe von vorn sein Dirigat zu beobachten. Es ist so dynamisch, leicht und präzise, fasst das ganze große Orchester zu einem kraftvollen, völlig ausgewogenen, schwingenden Gesamtklang zusammen, hebt dann wieder einzelne Stimmen keck oder dramatisch aus dem tönenden Graben empor, es tanzt, erzählt, schwelgt. Heute morgen hat Alain mit den Damen eine der wohl schwierigsten Stellen der gesamten Oper bis zur Perfektion geprobt: “Das Schiffsvolk kommt mit leerem Magen; in Küch und Keller säumet nicht. Lasst euch nur von der Neugier plagen, vor allem geht an eure Pflicht”, singt Mary während die Mädchenschar munter um sie herumschnattert, Prestissimo possibile, Halbe = 100 M.M. Das ist ein wahnsinnig schnelles Tempo, ungefähr so schnell, wie die Woche bis zur Premiere vergehen wird! Aber wir lassen uns von der Neugier nicht plagen und gehen an unsere Pflicht… Ich wünsche uns allen eine wunderbare Premiere und möchte mich ganz herzlich für die tolle Zeit hier in Zürich bedanken! (aw)

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Jörg Zielinski, Ausstattungsleiter am Opernhaus, berichtet von seiner Arbeit und darüber, wie das Bühnenbild für den «Fliegenden Holländer» entstanden ist. (ch)

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Die Endproben beginnen. Vorher muss aber noch das Bühnenbild eingerichtet werden. Auf- und Abbau werden ähnlich “einstudiert” wie das Stück selbst. Denn im laufenden Spielbetrieb muss jeder Handgriff sitzen, damit es zu keinen Verzögerungen kommt.

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"Wagners Musik ist besser als sie klingt."

— Mark Twain

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Der Tagi interessiert sich für unseren Twitternden Holländer und hat unseren Referenten für Marketing und Social Media daher zu dem Projekt befragt. (ch)

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Rückblick auf die dritte und vierte Probenwoche

Liebe Opernfreunde

Heute gibt es etwas zu feiern: Es ist keine einzige Note mehr übrig, für die sich unser Regisseur Andreas Homoki noch nichts ausgedacht hat. Unser Stück ist fertig inszeniert! 

Seitdem ihr das letzte Mal von mir etwas gehört habt, ist unglaublich viel passiert. Bryn Terfel ist eingetroffen. Die Orchesterproben haben begonnen. All unsere Hauptdarsteller wurden zur Anprobe gebeten, denn die Fertigstellung ihrer Originalkostüme steht unmittelbar bevor. Die ersten Proben konnten auf der Hauptbühne im Opernhaus stattfinden. Unsere Bühnentechniker haben das wunderbare, geheimnisvolle Bühnenbild innerhalb einer Nacht aufgebaut! Und endlich funktioniert auch das Fernschreibegerät des Steuermanns!

Denn wie sonst, außer von einem originalen Morseapparat aus dem vorletzten Jahrhundert, sollte der Steuermann die Nachricht für seinen Kapitän erhalten, dass eines seiner Schiffe den Heimathafen nicht erreichen kann? Und wie sonst, außer per Telefon (ebenfalls mindestens aus dem letzten Jahrhundert und noch mit echter Wählscheibe) sollte er in Erfahrung bringen, wo plötzlich das fremde Schiff herkommt, von dem ihm der Kapitän ungehalten berichtet?

Doch, wie sich herausstellt, ist ein Telefonat mit Geistern nicht sehr ergiebig und daher sinnlos. Der Geist des fliegenden Holländers erscheint schon von allein auf der Bühne. Obwohl niemand in dem kleinen norwegischen Küstenstädtchen wirklich mit ihm rechnet, haben ihn doch alle irgendwie erwartet - und plötzlich sitzt er da.

Etwas abseits auf der rechten hinteren Bühnenhälfte wird ein großer gebeugter Rücken mit breiten Schultern sichtbar, bedeckt mit einem schwarzen Mantel. Bryn Terfel hält sein Gesicht gesenkt, unendlich schwer sind ihm seine Glieder, unendlich schwer auch der mit Federn, Knochen und Algen bewachsene Zylinder auf seinem Kopf, und dazu noch das schwere Gewicht seiner Manteltaschen, in denen sich die kostbarsten Schätze der ganzen Erde befinden. Wie um alles in der Welt ist er hierhergekommen?? Da ertönt ein schwerer Seufzer der tiefen Streicher und Blechbläser vom Flügel des Korrepetitoren her. Er geht durch Mark und Bein. Auf einem sogenannten Motivblatt, welches ich von unserem Dirigenten Alain Altinoglu erhalten habe, steht, dass er „Motiv der Gebrochenheit“ genannt wird. Langsam richtet sich Bryn auf. Die Seele des Holländers ist erschöpft von den ewigen Irrfahrten über die Weltmeere, gebrochen ist sein Herz von all den jungen Mädchen, die ihm die Treue nicht halten konnten. Doch ungebrochen ist seine Kraft, die Faszination, die von diesem Mann ausgeht, sein willensstarker, herausfordernder, furchterregender Blick.  Wie macht Bryn das bloß? Völlig beeindruckt sehe ich zu, wie er sich nur auf die Bühne stellen muss und schon sind alle Menschen um ihn herum ganz gefangen von der Ausstrahlung seiner Erscheinung. Fast wirkt es, als hätte sich der Geist des fliegenden Holländers genau Bryn Terfel ausgesucht, um durch ihn den Zuschauern sichtbar zu werden! Natürlich probiert Bryn auch aus, wie weit er gehen kann, gehen muss, um die größtmögliche Wirkung zu erzielen. Mal wendet er sein Gesicht mit weit aufgerissenen Augen zur einen Seite, dann zur anderen. Dabei lässt er seinen mächtigen Körper mit wankenden Schritten den Choristen bedrohlich nah kommen… Die können nur noch zu Boden taumeln! Der Regisseur ist begeistert! Genauso wird das verabredet! Die Seemänner müssen nur noch mit der richtigen musikalischen Wendung taumeln und Bryns Auftritt ist grandios!

Ganz anders begegnet uns Bryn in der Pause. Mit einem strahlenden, offenen Lächeln plaudert er neugierig mit jedem Mitarbeiter, der ihm über den Weg läuft, verteilt gelegentlich süsse Kaubonbons und Caramell-Riesen und lässt sich mit Schülern fotografieren, die unseren Proben mit ihren Schulklassen öfter mal einen Besuch abstatten…

Überhaupt finde ich aber übrigens das Miteinander unter all unseren Mitarbeitern ganz wundervoll!! Wir alle sprechen so verschiedene Sprachen, schwyzerdütsch, deutsch, englisch, französisch, spanisch, italienisch, russisch, und viele mehr, trotzdem können wir so viel miteinander lachen, mitfühlen und einander helfen. Erschöpfte Schultern kriegen eine kurze Massage vom Nachbarn, die Requisiteure unterstützen den Kostümassistenten beim Sortieren von 30 Chorjacken, eine Kostümbildnerin bringt Backerbsen mit, weil ein paar Männer die doch so mögen; und bei unserem Inspizienten Felix Bierich liegen vier Sorten Ricola-Kräuterbonbons bereit. Da ist für jeden was dabei! Und zu meinem Geburtstag letzte Woche wurde mir ein Ständchen von allen Sängern der Hauptrollen, dem Dirigenten, dem Regisseur, und überhaupt allen, die mich hier so freundlich empfangen haben, gesungen. Das werde ich nie vergessen! (aw)